Eine neue Zeitrechnung des Investierens
BlackRock Marktausblick
22. Dezember 2020
Jemand, der vor zwölf Monaten für das Jahresende 2020 einen DAX-Stand von rund 13.700 oder einen Stand beim S&P 500 von knapp über 3.700 prognostiziert hat, befand sich in guter Gesellschaft. Kaum jemand hätte bei diesen Punktprognosen die Augenbrauen hochgezogen oder gar die Nase gerümpft. Genau diese Levels sind es nun auch, in deren Nähe die beiden berühmten Indizes derzeit notieren. Die Achterbahnfahrt, welche die beiden Börsenbarometer allerdings in der Zwischenzeit seit Jahresanfang hingelegt haben, dürfte wohl niemand auf dem Zettel gehabt haben. Die Coronakrise kam wie eine Naturkatastrophe über uns und die Märkte. Auf den epischen Absturz der Kurse im Frühjahr folgte jedoch eine Börsenrallye, die in Bezug auf Schnelligkeit ihres Gleichen sucht. Wer Mitte März die Traute besaß zu investieren, kann sich jetzt über ein Plus von mehr als 60 Prozent freuen. Selten boten Börsen rückblickend derartige Chancen.
Es liegt ohne jeden Zweifel ein Jahr hinter uns, das nicht nur unser Leben von den Füßen auf den Kopf gestellt hat, sondern auch ein Jahr, das die Welt des Investierens bereits verändert hat und weiter verändern wird. Die Coronakrise hat bei Trends wie dem Thema Nachhaltigkeit, der wachsenden sozialen Ungleichheit oder aber beim Siegeszug des E-Commerce den Turbo eingelegt. Wir bevorzugen aufgrund dessen in den kommenden Jahren Vermögenswerte, die vom Trend in Richtung Nachhaltigkeit profitieren. Wir rechnen damit, dass der Nachhaltigkeitstrend vor allem die Dispersion zwischen den Sektoren erhöhen wird. Gleichzeitig könnte ein Mehr an sozialer Umverteilung gelenkt durch Regierungen die Folge für Unternehmen und Individuen sein. Anleger sollten dies genauso auf dem Schirm haben wie die Tatsache, dass die Coronakrise dafür gesorgt hat, dass wir etwa im Bereich des E-Commerce heute da sind, wo wir ohne die Krise womöglich erst in zwei bis drei Jahren gewesen wären. Die Digitalisierung bleibt der König der Megatrends.
Nach der Krise werden wir uns in einer anderen Welt wiederfinden, etwa mit Blick auf die Art und Weise, wie Handel getrieben wird. Wir glauben nicht an eine Rückabwicklung der Globalisierung, sondern an deren Neugestaltung – ebenfalls beschleunigt durch das Coronavirus. Wir werden in den kommenden Jahrzehnten voraussichtlich in einer stärker bipolaren Welt mit den USA als großer Wirtschaftsmacht auf der einen Seite und China auf der anderen Seite leben. Dass sich das Machtverhältnis dabei in Richtung China verschiebt, muss dabei schon fast nicht mehr erwähnt werden. Unterdessen dürften die Beziehungen zwischen diesen beiden Ländern frostig und die wirtschaftlichen Beziehungen entsprechend gering bleiben. In der Folge könnten sich diese beiden Wirtschaftsräume zunehmend unabhängiger entwickeln, was Anlegern wiederum die Chance für mehr Diversifikation bietet. Allerdings müssten viele Portfolios hierfür die Positionen in chinesischen Vermögenswerten erhöhen.
Darüber hinaus dürfte die neue Welt des Investierens durch ein recht stabiles nominales Zinsniveau geprägt sein – obwohl wir die Chancen für einen Anstieg der Inflationserwartungen in den kommenden Jahren für durchaus hoch erachten. Zentralbanken werden für eine gewisse Zeit ein Heißlaufen des Wirtschaftsmotors mit einem Inflationsniveau über ihrem Ziel tolerieren. Dazu haben sie ihre Strategie angepasst, um das vorherige Unterschreiten des Inflationsziels auszugleichen. Zugleich könnte der tiefgreifende fiskal- und geldpolitische Wandel eine notwendige Reaktion auf die Coronakrise es den Zentralbanken erschweren, der Inflation Einhalt zu gebieten. Wir vermuten, dass sie einem Anstieg der Nominalrenditen entgegenwirken werden, um eine unerwünschte Straffung der Finanzbedingungen zu verhindern.





























